Samstag, 19. Dezember 2009

So bist du denn geworden…

So bist du denn geworden
wie ich dich nie gekannt:
dein Herz schlägt allerorten
in einem Brunnenland,

wo kein Mund trinkt und keine
Gestalt die Schatten säumt,
wo Wasser quillt zum Scheine
und Schein wie Wasser schäumt.

Du steigst in alle Brunnen,
du schwebst durch jeden Schein.
Du hast ein Spiel ersonnen,
das will vergessen sein.

Paul Celan

Harlem

Von allen Wolken lösen sich die Dauben,
der Regen wird durch jeden Schacht gesiebt,
der Regen springt von allen Feuerleitern
und klimpert auf dem Kasten voll Musik.

Die schwarze Stadt rollt ihre weißen Augen
und geht um jede Ecke aus der Welt.
Die Regenrhythmen unterwandert Schweigen.
Der Regenblues wird abgestellt.

Ingeborg Bachmann

Freitag, 18. Dezember 2009

Sie sagten sich Helles und Dunkles

Beinah verstummt,
beinah noch
den Ruf hörend.
Komm. Nur einmal.
Komm.

Ingeborg Bachmann an Paul Celan

LUCIANO PAVAROTTI & LUCIO DALLA-CARUSO



Sie sagten sich Helles und Dunkles


 
Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.

Der Liebende



Nun liegt dein Freund wach in der milden Nacht,
Noch warm von dir, noch voll von deinem Duft,
Von deinem Blick und Haar und Kuß - o Mitternacht,
O Mond und Stern und blaue Nebelluft!
In dich, Geliebte, steigt mein Traum
Tief wie in Meer, Gebirg und Kluft hinein,
Verspritzt in Brandung und verweht zu Schaum,
Ist Sonne, Wurzel, Tier,
Nur um bei dir,
Um nah bei dir zu sein.
Saturn kreist fern und Mond, ich seh sie nicht,
Seh nur in Blumenblässe dein Gesicht,
Und lache still und weine trunken,
Nicht Glück, nicht Leid ist mehr,
Nur du, nur ich und du, versunken
Ins tiefe All, ins tiefe Meer,
Darein sind wir verloren,
Drin sterben wir und werden neugeboren.

Hermann Hesse

Werd ich vergessen?

Werd ich vergessen? Und wenn irgendwas
viel später zu mir kommt und mich daran
erinnert: werd ich fremdhin fragen -"wann-"?
Kann Leben heißen: zu vergessen, dass

mir Seligkeit, endlose, unverkürzte
an einem Tag ward der rasch verrann
und dass dein Wesen sich in meines stürzte
aus deinen Augen, da ich kaum begann

dich anzusehn. Ich weiß von dir nicht mehr
nur kommen musstest du um jeden Preis,
und eine Stelle in mir ist jetzt leer
für alles das von dir was ich nicht weiß.

Rainer Maria Rilke

Mir ist zu licht zum Schlafen



Mir ist zu licht zum Schlafen,
Der Tag bricht in die Nacht,
Die Seele ruht im Hafen,
Ich bin so froh erwacht.

Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus,
Was ist's, daß ich mich quäle
Ob sie auch fand ein Haus.

Sie hat es wohl gefunden
Auf ihren Lippen schön,
O welche sel'ge Stunden,
Wie ist mir so geschehn!

Was soll ich nun noch sehen?
Ach, alles ist in ihr.
Was fühlen, was erflehen?
Es ward ja alles mir.

Ich habe was zu sinnen,
Ich hab', was mich beglückt:
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzückt.

Ludwig Achim von Arnim

The walking tree

Das ist der Baum, vor dem uns unsere Mütter
Immer gewarnt haben. Der uns abends nachsteigt.
Mit grünen Lidern winkt und über Zäune klettert.
In seinen Mußestunden hört er Mozart.
Er späht durch Fenster, hinterlässt an Türen
Gelbe Graffiti. Beim Vortrag im Sophiensaal macht er sich
Ganz eigene Gedanken. Lauscht auf unser Atmen
Und wirft uns Blüten hin, Schnee, der nicht schmilzt.

Christine Thiemt

Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.
Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.
Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, daß man's versteht.
Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.
Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.
Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
"Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht."

Erich Kästner

Orte der Geometrie

Orte der Geometrie;
Einzelne Pappel, Platane.
Und dahinter die Luft,
Schiffbar mit heiterem Kahne

In einer Stille, die braust.
Einsames Sich-Genügen
In einem Himmel aus Schaum,
Hell und mit kindlichen Zügen.

Alles wird faßlich und Form:
Kurve des Flusses, Konturen
Flüchtender Vögel im Laub,
Diesige Hitze-Spuren,

Mundvoll Wind und Gefühl
Für blaue Blitze, die trafen
Körperschatten, die sanft
Schwankten wie Segel vorm Hafen.

Karl Krolow

Durchsichtig

Diese Stunde
wird durchsichtig

Ich durch-
schaue sie

ihre einhellige
Absicht

mir
eine Stunde
meines Lebens
zu rauben

Rose Ausländer

Fremder

Wie verzaubert ich bin — Pflanzen
Überwachsen die Fenster die Steine der
Treppe Vögel fliegen im Haus, das
Gesicht durch fremder Leute
Falten und weiße Strähnen getarnt
Gehe ich um und durch die Spiegel.

Sarah Kirsch

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Ein zarter Blauton



Ein zarter Blauton
Im Wolkengemisch
Spannt sich über den Wald
Leicht scheint auch die Sonne
Weiche Schatten werfend

Monika Meise

Mein Morgenschlafhaar

Mein Morgenschlafhaar -
hüte mich, es zu kämmen.
Hat es doch bei Nacht
meines Geliebten süße
Arme zum Kissen gehabt.

China

Bei Tag

Hasenfell-Himmel. Noch immer
schreibt eine deutliche Schwinge.

Auch ich, erinnere dich,
Staub-
farbene, kam
als ein Kranich.

Paul Celan

Sensucht

Durch meines Lebens graue Gasse
geht das Nimmervondirlassen
geht das Nimmervondirlassen
und singt und singt so leise
uralte Weise
und summt und verstummt und weint
wie Heimweh
und es gaffen die grauen Gassen
Wer bist du Nimmervondirlassen?

Ödön von Horváth

Wie leicht

Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn als Musik erlöst
der Stein in Landsflucht zieht

und Felsen die
als Alp gehockt
auf Menschenbrust,
Schwermutgewichte
aus den Adern sprengen.

Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn schwarzgeheizte Rache
vom Todesengel magnetisch
angezogen
an seinem Schneerock
kalt und still verendet.

Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn Sternenhaftes schwand
mit einem Rosenkuß
aus Nichts —

Nelly Sachs

Mittwoch, 16. Dezember 2009

AM MEER

Am Meer
ein Lachen, sie haben
den Fisch gefangen, der spricht.
Doch er sagt,
was jedermann meint.

Ernst Meister

Ich will bis in die Sterne

Ich will bis in die Sterne
Die Fahne der Liebe tragen;
Sie soll auf einer Wolke
Ob sämtlichen Himmeln ragen.

Ich will im hohen Äther
Anstimmen erhabne Lieder,
Will rühmend eine Pauke
Unendlicher Ehre schlagen.

Orion und Plejade
Sie sollen im Tanze kreisen,
Und Sohre freudig horchend
Das eigene Spiel vertagen.

Tief unter mir die Wüsten,
Die sandigen, ungeheuern,
Sie sollen blüh'n und grünen
Gleich himmlischen Rosenhagen.

»Warum, Hafis?« so fragst du.
Wie magst du so thöricht fragen?
Es lächelte mir die Freundin,
Es endeten alle Klagen.


Hafis
übersetzt von Georg Friedrich Daumer

Steckbrief

Ich weiß, von wem
Die Bücher sind,
Wie eine Amaryllis duftet,
Und wie zum Beispiel ein Pihi
Fliegt.

Ich weiß auch meistens,
Was der Kaffee kostet
Und die dazugehörigen Brote.
Aber eigentlich
Lebe ich doch auf dem Mond.
Man sollte wohl eher sagen:
Leider.

Ich verfüge über das,
Was man eine
Gute Allgemeinbildung nennt,
Und ein nicht unzuverlässiges
Fingerspitzengefühl.
Auch treffen meine Vorahnungen
Nicht selten ein.

Trotz alledem
Komme ich recht oft
Aus dem Mustopf.
Und dann haben ihn die andern
Schon leergegessen.

Einer, der mich gut kannte,
Nannte dies
Meine liebenswerteren Mängel.

(Er beschützte mich
Vor den Freunden.)

Aber das ist lange her.
Und so tut es not,
Daß die Leute es wissen.

Darum sage ich das hier.

Mascha Kaléko

kirschgarten im schnee

i

was einst baum war, stock, hecke, zaun:
unter gehn in der leeren schneeluft
diese winzigen spuren von tusche
wie ein wort auf der seite riesigem weiß:
weiß zeichnet dies geringfügig schöne geäst
in den weißen himmel sich, zartfingrig,
fast ohne andenken, fast nur noch frost,
kaum mehr zeitheimisch, kaum noch
oben und unten, unsichtig
die linie zwischen himmel und hügel,
sehr wenig weiß im weißen:
fast nichts -

ii

und doch ist da,
eh die seite, der ort, die minute
ganz weiß wird,
noch dies getümmel geringer farben
im kaum mehr deutlichen deutlich:
eine streitschar erbitterter tüpfel:
zink-, blei-, kreideweiß,
gips, milch, schlohweiß und Schimmel:
jedes von jedem distinkt:
so vielstimmig, so genau
in hellen gesprenkelten häufen,
der todesjubel der spuren.

iii

zwischen fast nichts und nichts
wehrt sich und blüht weiß die kirsche.

Hans Magnus Enzensberger

Dienstag, 15. Dezember 2009

So gern hätt' ich



So gern hätt' ich ein schönes Lied gemacht
von deiner Liebe, deiner treuen Weise,
die Gabe, die für andre immer wacht
hätt' ich so gern geweckt zu deinem Preise.

Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr
und wie ich auch die Reime mochte stellen.
Des Herzens Fluten wallten drüber her,
zerstören mir des Liedes zarte Wellen.

So nimm die einfach schlichte Gabe hin,
von einfach ungeschmücktem Wort getragen,
und meine ganze Seele nimm darin.
Wo man am meisten fühlt,
weiß man nicht viel zu sagen!

Annette von Droste-Hülshoff

IM ZWIELICHT

Wieder legen wir beide die Hände ins Feuer,
du für den Wein der lange gelagerten Nacht,
ich für den Morgenquell, der die Kelter nicht kennt.
Es harrt der Blasbalg des Meisters, dem wir vertrauen.

Wie die Sorge ihn wärmt, tritt der Bläser hinzu.
Er geht, eh es tagt, er kommt, eh du rufst, er ist alt
wie das Zwielicht auf unsren schütteren Brauen.

Wieder kocht er das Blei im Kessel der Tränen,
dir für ein Glas - es gilt, das Versäumte zu feiern -
mir für den Scherben voll Rauch - der wird überm Feuer geleert.
So stoß ich zu dir und bringe die Schatten zum Klingen.

Erkannt ist, wer jetzt zögert,
erkannt, wer den Spruch vergaß.
Du kannst und willst ihn nicht wissen,
du trinkst vom Rand, wo es kühl ist
und wie vorzeiten, du trinkst und bleibst nüchtern,
dir wachsen noch Brauen, dir sieht man noch zu !

Ich aber bin schon des Augenblicks
gewärtig in Liebe, mir fällt der Scherben
ins Feuer, mir wird er zum Blei,
das er war. Und hinter der Kugel
steh ich, einäugig, zielsicher, schmal,
und schick sie dem Morgen entgegen.


Ingeborg Bachmann

LOB DER LIEBE

1.
O liebe / herzen-binder /
Du herr der freundlichkeit
Und aller guten zeit /
Du zwietracht überwinder /
Du grosser wohlfahrt heger /
Wie daß die ganze welt
Dir hin zu fusse fällt /
Und folget deinem läger?

2.
Wie weist du einzusperren
Des scepters ganze macht!
Dir dient der cronen-pracht /
Der knecht auch samt dem herren.
Das alter wird gerissen
Zwar an dein strenges joch /
Die jugend pflegst du doch
Am meisten einzuschliessen.

3.
Du wagst dich in die wangen
Der frauen-bilder hin /
Und führst den starcken sinn
Der männer so gefangen.
Was keine macht kan brechen /
Kein stahl / kein fallend bley /
Was keine tyranney /
Weist endlich du zu schwächen.

4.
Du hast die welt gelehret
Das / was sie gutes hat /
Daher auch dorff und stadt
Dir billich zugehöret:
Daß wir die felder bauen /
Nach ehr und gütern stehn /
Tieff in das erdreich gehn /
Uns wind und wellen trauen.

5.
Wodurch wir zugenommen /
In aller pracht und zier
Muß eigentlich von dir /
Du weltbereicher / kommen.
Du endest angst und leiden;
Greiffst du / o amor! an /
Und hilffst / so träget man
Des creutzes last mit freuden.

6.
Durch dich muß alles werden /
Was vieh und menschen noth /
Ohn dich komt weder brodt
Noch weinwachs aus der erden:
Wie schön die vögel singen /
Wie frölich durch das meer /
Der fische schaar / das heer
Der thier im walde springen;

7.
Wie lustig sich mit tänzen
Das volck der sternen macht /
Wie helle bey der nacht
Sie um den mond her glänzen;
Wie schnell der sonnen-räder /
Wie lieblich lufft und wind /
Wie angenehm uns sind
Die brunnen / flüsse / bäder.

8.
Doch wäre nichts zu spüren
Von allem / was man kennt /
Wenn du das regiment
Nicht / liebe / soltest führen.
Glückseelig ist die stunde /
Kriegt anders zeit hie stat
Da gott gezeugt dich hat /
Aus seines herzen grunde.

9.
Man hat von keinen plagen
Da irgend wo gewust /
Und nur von lauter lust
Und freude können sagen;
Da war kein haß vorhanden /
Kein argwohn und kein streit /
Fried und gerechtigkeit
Sind um dich her gestanden.

10.
Man sieht noch itzund leben
Und grosses wohlergehn
An allen orthen stehn /
Wo du dich hinbegeben /
So komm nun dein begnügen
Umschließ auch dieses paar
In eintracht immerdar /
Die ehlich itzt sich fügen.

11.
Du bist es / den wir singen /
Du und das wahren guth /
Der uns das liebste thut /
Gott selbst für allen dingen:
Wir werden angetrieben
Zu sagen: er allein
Muß selbst die liebe seyn /
Die er so rein kan üben.

12.
O seelig / seelig wären
Wir menschen allerseit!
Die wir durch haß und streit
Erbärmlich uns verzehren /
Wenn doch auch uns die liebe /
Die alles hie und da /
Und selbst den himmel / ja
Am meisten gott treibt / triebe.

SIMON DACH

ins lesebuch für die oberstufe

ins lesebuch für die oberstufe
lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
sie sind genauer. roll die seekarten auf,
eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
schlagen und malen den neinsagern auf die brust
zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das viertel wechseln, den pass, das gesicht.
versteh dich auf den kleinen verrat,
die tägliche schmutzige rettung. nützlich
sind die enzykliken zum feueranzünden,
die manifeste: butter einzuwickeln und salz
für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
in die lungen der macht zu blasen
den feinen tödlichen staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.

Hans Magnus Enzensberger

DIE LIEBENDEN

Die Liebenden haben heut keine Balkone,
kein Stern webt Träume in die Gardinen,
kein Bett ist ihr Eigen. Sie liegen umschlungen,
erwartend den Tod auf glänzenden Schienen.

Sie liegen und frösteln. Die Lider geschlossen.
Um seinen Ηals ihre magere Rechte.
(Einst schien uns der Mond auf das duftende Kissen...)
Leb wohl, fremde Mutter, Erde du schlechte!

Sie lauschen den Hymnen der Frösche und Grillen,
enorm ertönend im Sternenregen
dem Einen – Unsichtbaren und Blinden.
Sie liegen umschlungen und schweigen verlegen.

Wir hören das Nahen des rollenden Todes.
Sie liegen da, geschlossen die Lider,
und fühlen als Letztes die Leere des Hungers,
durchflutet vom Dufte träumender Flieder.

ALFRED GONG

WEISSE GLIEDER

Ich liebe solche weiße Glieder,
Der zarten Seele schlanke Hülle,
Wildgroße Augen und die Stirne
Umwogt von schwarzer Lockenfülle!

Du bist so recht die rechte Sorte,
Die ich gesucht in allen Landen;
Auch meinen Wert hat Euresgleichen
So recht zu würdigen verstanden.

Du hast an mir den Mann gefunden,
Wie du ihn brauchst. Du wirst mich reichlich
Beglücken mit Gefühl und Küssen,
Und dann verraten, wie gebräuchlich.

Heinrich Heine

Montag, 14. Dezember 2009

Schließe mir die Augen beide



Schließe mir die Augen beide
mit den lieben Händen zu!
Geht doch alles, was ich leide,
unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz
Well' um Welle schlafen leget,
wie der letzte Schlag sich reget,
füllest du mein ganzes Herz.

Theodor Storm

VOM DACHGARTEN DER YENIDZE

Die Stadt ein zerklüfteter Cañon, in dem sich
Alle Erinnerungen, die ich noch habe,
Verlaufen. Die Hügel der Lößnitz:
Hemingways weiße Elefanten,
Und irgendwo, wo eine Liebe begann
Oder endete, trägt uns noch heute
Etwas hinüber ins imaginäre
Reich der Gerechtigkeit.
Ich bin angekommen und liege noch immer
Im Streit mit der Dummheit, dieser mächtigen
Kraft, die den Abend verdunkelt. Mir gegenüber
Die edlen Maße eines Palais,
Die Gefahr der Schönheit markierend,
Die sprachlos bleibt und tatsächlich
Nichts anderes ist als des Schrecklichen Anfang.
Die schwarzen Engel, ihre Schwingen entfaltend,
Beherrschen mit ihren Schwertern aus Feuer
Noch immer das Tal, das sich anschickt,
Ein neues Jahrtausend in sich zu bergen, als sei es
Nun Zeit auch für mich,
Den Ort der Endgültigkeit aufzusuchen:
Wut, Trauer und das Gefühl, niemals
Irgendwo angekommen zu sein, obwohl
Die Flugpreise sinken und
Der Dunst des Benzins
Die Stirne vernebelt.
Und du, in deinem Hochhaus verschanzt,
Tausendjährige Nymphe,
Während ich, gezeichnet vom Fieber,
In meine Remise zurückfahr.

HEINZ CZECHOWSKI