Dienstag, 9. Februar 2010

La Chanson des Vieux Amants



1 Bien sûr, nous eûmes des orages
Vingt ans d'amour, c'est l'amour fol
Mille fois tu pris ton bagage
Mille fois je pris mon envol
Et chaque meuble se souvient
Dans cette chambre sans berceau
Des éclats des vieilles tempêtes
Plus rien ne ressemblait à rien
Tu avais perdu le goût de l'eau
Et moi celui de la conquête.

R Mais, mon amour
Mon doux mon tendre mon merveilleux amour
De l'aube claire jusqu'à la fin du jour
Je t'aime encore tu sais je t'aime

2 Moi, je sais tous tes sortilèges
Tu sais tous mes envoûtements
Tu m'as gardé de pièges en pièges
Je t'ai perdue de temps en temps
Bien sûr tu pris quelques amants
Il fallait bien passer le temps
Il faut bien que le corps exulte
Finalement finalement
Il nous fallut bien du talent
Pour être vieux sans être adultes.

3 Et plus le temps nous fait cortège
Et plus le temps nous fait tourment
Mais n'est-ce pas le pire piège
Que vivre en paix pour des amants
Bien sûr tu pleures un moins moins tôt
Je me déchire un peu plus tard
Nous protégeons moins nos mystères
On laisse moins faire le hasard
On se méfie du fil de l'eau
Mais c'est toujours la tendre guerre

Jacques Brel

Nachtmahl auf dem Acker

Wenn großvater am abend
das kräutichfeuer schürte,
machte er die sterne,
die später über unseren köpfen standen

Wir erkannten sie wieder

Und der mond war ein armer bruder,
der zur sonne betteln ging
(manchmal bekam er etwas,
manchmal nicht)

Ich wußte noch nicht, daß der mond
das vorweggenommene antlitz ist
der erde

Ich war noch nicht Adam,
und großvater ähnelte gott

Damals, als ich noch vom himmel aß


Reiner Kunze

Johanna Schreiner



Ankunft

Lass mich ausruhen bei dir,
sitzen am Ufer deiner Seele.

Von ferne streicht ein milder Rosenduft
um mein Gesicht
und bringt die Botschaft,
auf die ich schon lange gewartet habe.

Ein Hauch von Ewigkeit atmet in meinem Herzen
und lässt mich still werden bei dir.

Ich schaue auf,
und
am goldenen Faden kehrt die Kraft zurück,
dir im Alltag von den Rosen zu erzählen,
die im Himmel wachsen.

Johanna Schreiner

VIVA!

Mein Wünschen sprudelt in der Sehnsucht meines Blutes
Wie wilder Wein, der zwischen Feuerblättern glüht.
Ich wollte, Du und ich, wir wären eine Kraft,
Wir wären eines Blutes
Und ein Erfüllen, eine Leidenschaft,
Ein heisses Weltenliebeslied!

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,
Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit
Und Wetterwolken bersten in der Luft!
Und alles Leben wäre unser Eigen;
Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft
Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!

Ich wollte, dass aus unserer Kluft sich Massen
Wie Felsen aufeinandertürmen und vermünden
In einen Gipfel, unerreichbar weit!
Dass wir das Herz des Himmels ganz erfassen
Und uns in jedem Hauche finden
Und überstrahlen alle Ewigkeit!

Ein Feiertag, an dem wir ineinanderrauschen,
Wir beide ineinanderstürzen werden,
Wie Quellen, die aus steiler Felshöh' sich ergiessen
In Wellen, die dem eignen Singen lauschen
Und plötzlich niederbrausen und zusammenfliessen
In unzertrennbar, wilden Wasserheerden!

Else Lasker-Schüler

Anrufung des großen Bären



Großer Bär, komm herab zottige Nacht,
Wolkenpelztier mit den alten Augen,
Sternenaugen,
durch das Dickicht brechen schimmernd
deine Pfoten mit den Krallen,
Sternenkrallen,
wachsam halten wir die Herden,
doch gebannt von dir, und mißtrauen
deinen müden Flanken und den scharfen
halbentblößten Zähnen,
alter Bär.

Ein Zapfen: eure Welt.
Ihr: die Schuppen dran.
Ich treib sie roll sie
von den Tannen im Anfang
zu den Tannen am Ende,
schnaub sie an, prüf sie im Maul
und pack zu mit den Tatzen.

Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht!
Zahlt in den Klingelbeutel und gebt
dem blinden Mann ein gutes Wort,
daß er den Bären an der Leine hält.
Und würzt die Lämmer gut.
s' könnt sein, daß dieser Bär
sich losreißt nicht mehr droht
und alle Zapfen jagt, die von den Tannen
gefallen sind, den großen, geflügelten,
die aus dem Paradiese stürzten.

Ingeborg Bachmann

In den flussen nördlich der Zukunft

In den flussen nördlich der Zukunft
warf ich das Netz aus, das du
zögernd beschwerst
mit von Steinen geschriebenen
Schatten.

Paul Celan

Wohin o wohin

Wohin o wohin
du Weltall der Sehnsucht
mit der Träume verlorenen Erdenreichen
und der besprengten Blutbahn des Leibes;
während die Seele zusammengefaltet wartet
auf ihre Neugeburt
unter dem
Eis der Todesmaske.

Nelly Sachs

Schnelle Nachtfahrt

Niemals wird es uns gelingen, die welt
zu enthassen

Nur daß am ende uns nicht reue heimsucht
über nicht geliebte liebe

Reiner Kunze

Kinderlied

Wer lacht hier, hat gelacht?
Hier hat sich`s ausgelacht.
Wer hier lacht, macht Verdacht,
daß er aus Gründen lacht.

Wer weint hier, hat geweint?
Hier wird nicht mehr geweint.
Wer hier weint, der auch meint,
daß er aus Gründen weint.

Wer spricht hier, spricht und schweigt?
Wer schweigt, wird angezeigt.
Wer hier spricht, hat verschwiegen,
wo seine Gründe liegen.

Wer spielt hier, spielt im Sand?
Wer spielt muß an die Wand,
hat sich beim Spiel die Hand
gründlich verspielt, verbrannt.

Wer stirbt hier, ist gestorben?
Wer stirbt, ist abgeworben.
Wer hier stirbt, unverdorben
ist ohne Grund gestorben.

Günter Grass

So oder so

Schön
geduldig
miteinander
langsam alt
und verrückt werden

andrerseits

allein
geht es natürlich
viel schneller

Karin Kiwus

Montag, 8. Februar 2010

Abend



Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt;

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt -

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
so dass es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

Rainer Maria Rilke

Schlechtes Wetter

Wenn du mich liebst
bin ich glücklich
Dann tanze ich
mit meinem Engel

Wenn ich unglücklich bin
schreibe ich Gedichte
und der Regen hängt mir
im Gefieder

Warum verdirbst du so oft
das Wetter und
warum sind meine Gedichte
oft so traurig?

Gerhard Rombach  

Vom Schweigen

sprich leise
in den schneeblinden nächten
sprich leise
sie könnten erschrecken
hinter den hellen fenstern
im geordneten schweigen
störe sie nicht
sie haben sich eingerichtet
sprich leise im vorbeigehen

Hermann Josef Schmitz 

Zart

Zart streift 

Dein Wort auf Papier

Meine Wange

Berührt mich 

Wie mit Fingerspitzen

Flüstert mir 

Dein: Gute Nacht

Monika Meise 

Schlaflosigkeit

Über die Stoppelfelder der Nacht
weh ich eigensinnig hin in dein Bereich.

Der von den Türmen rief, ist umgebracht.
Mir leuchtet Gram und vor dir bin ich gleich.

Es ist schon Dickicht, wo ich Schwüle stifte.
Hat keiner Macht, den Herzschlag zu verringern?
Ich weiß die Sprüche und du weißt die Gifte.
Der Kelch für beide grünt in meinen Fingern.

Paul Celan

Die Sterne

An welchem Tisch
nehmen die Sterne
ihr Abendmahl ein

Sie reichen sich
ihre Strahlenhände
sausend im Raum der
sie nicht fallen läßt

Sie kennen nicht
ihre eigenen Namen
fragen nicht
woher ihr Licht
warum und wieso

Sie nehmen teil
an der Zeit
die ein Märchen ist
aus Bewegung

Rose Ausländer

Treue

Es heißt:
Ein gebrochenes Versprechen
ist ein gesprochenes
Verbrechen

Aber kann nicht
ein ungebrochenes Versprechen
ein ungesprochenes
Verbrechen sein?

Erich Fried

Sonntag, 7. Februar 2010

Mich macht nachdenklich



Rolf Dieter Brinkmann

MIT ZWANZIG

Meine Mutter klopfte in der
Pension an meine Tür
kam herein, schaute in die
Schublade der Kommode:
"Henry, hast du denn keine
sauberen Socken? Wechselst
du nie die Unterwäsche?"

"Mom, ich will nicht,
Dass du hier rumstöberst ..."

"Ich hab gehört, hier gibts
eine Frau, die spät abends
zu dir ins Zimmer kommt
und mit dir trinkt, sie wohnt
gleich da hinten im Flur."

"Sie ist in Ordnung ..."

"Henry, du kannst dir eine
schreckliche Krankheit
holen."

"Yeah ..."

"Ich hab mit deiner Wirtin
gesprochen, sie ist eine nette
Dame, sie sagt, du liest
anscheinend eine Menge Bücher
und nachts, wenn du einschläfst
fallen sie dir auf den Boden
sie können es im ganzen Haus
hören, schwere Bücher, eins
um Mitternacht, dann um
eins, um zwei wieder und
nochmal eins um vier."

Als sie gegangen war
nahm ich die ausgeliehenen
Bücher und brachte sie in
die Bibliothek.
Zurück in der Pension
stopfte ich die schmutzigen
Socken, die schmutzige Unter-
wäsche, die schmutzigen Hemden
in den Pappkoffer
fuhr mit der Straßenbahn
nach Downtown und stieg
in den Trailways Bus
nach New Orleans.
Ich schätzte, dass ich bei der
Ankunft noch zehn Dollar
haben würde, und dann
sollten sie eben mit mir
machen was sie wollten.

Das taten
sie auch.

Charles Bukowski

Ach, gehen Sie mir weg mit Ihren Wörtern...

Ach, gehen Sie mir weg mit Ihren Wörtern
Ich trete aus dem Haus & trete zuerst in Hundescheiße
Wieder ein Sonntag in Deutschland, der absolut albtraumhaft ist

Rolf Dieter Brinkmann

Samstag, 6. Februar 2010

Chet Baker - How Long Has This Been Going On



Und plötzlich geht ein Engel

Und plötzlich geht ein Engel durch den Raum, Augen leuchten und eine Stimme schwebt sanft von mir zu Dir. Ein Herz blüht auf. Ein zartes Lächeln scheinbar verloren erhellt den Tag. Wer bist Du?

Und plötzlich geht ein Engel durch den Raum...

fhoelder

Die Jahre von dir zu mir



Wieder wellt sich dein Haar, wenn ich wein. Mit dem
Blau deiner Augen
deckst du den Tisch unsrer Liebe: ein Bett zwischen
Sommer und Herbst.
Wir trinken, was einer gebraut, der nicht ich war,
noch du, noch ein dritter:
wir schlürfen ein Leeres und Letztes.

Wir sehen uns zu in den Spiegeln der Tiefsee und
reichen uns rascher die Speisen:
die Nacht ist die Nacht, sie beginnt mit dem Morgen,
sie legt mich zu dir.

Paul Celan 

Ich suchte nach Ordnung

Ich suchte nach Mathematik,
um Ordnung in einiges zu bringen,
vielleicht Logik, die unerschütterlich ist.
ich ließ mich erschüttern - das Andante
des einundzwanzigsten Klavierkonzerts
von Mozart, C-Dur,
im unendlich Vielen der Mathematik -
dagegen Tränen, ein Beben.
Eine Tonart - dagegen ein mathematisches Zeichen.
Ich suchte nach Ordnung.
Die logischen Partikel, Aussagen-Kalkül:
"Nicht alle Kreter sind Lügner."
"Manche Kreter sind keine Lügner."
Ich fand Modelle. C-Dur
eine Modell-Tonart für Musik?
Ich schmeckte doch Tränensalz -
die Tränen bei Mozarts C-Dur.
Dieses Salz trocknet schnell.
Ich suchte nach Ordnung.

Karl Krolow

Die Lichtung

Ich denk an dich. Ich denke an die Liebesstunden
Die wir im Waldesinnern süß erlebten.
Auf feuchtem Laub, vorbei an ernsten Tannen,
Buchen, braunen Pilzen. Auf kaum begangenem
Wege kamen wir zu einer Lichtung.
Der Himmel weitete sich plötzlich leuchtend über uns.
Du riefst »Wie schön das ist!« Die Sonne strahlte mild,
Umfing mit ihrem Gold die dunklen Bäume
Und das helle Grün der Himbeersträucher,
Von denen wir die reifen Früchte nahmen,
Einander lachend auf die Lippen legten.

Dann sanken wir beseligt in das weiche Moos
Dein Kopf lehnte an meiner Schulter, sanft,
Du hieltest meine Hand. Die alten Tannen rauschten
Feierlich. Und aus dem Dickicht
Trat ein Reh ... das lange lauschend blieb.

Da blickten wir uns tiefer in die Augen,
Die das klare Blau des Himmels hatten.
Wir sprachen nichts, wir dachten kaum etwas.
Wir ahnten nur die Ewigkeit des Augenblicks,
Und daß die Seelen sich ganz nahe waren.

Francisca Stoecklin

Monika Wegscheider


Lautlos
mit verhaltenem Atem
werfe ich deinen Namen
von meinen Lippen
wieder und wieder
in den Himmel
und mit lidlosem Blick
säume ich das Abendlicht
bis es sich bricht
als Echo Echo Echo

sich bricht als Echo
tausendfach bricht
in mir

Monika Wegscheider

Alles, was bleibt

Alles, was bleibt
Gefühl, Gedanken, seine Nähe,
der Ton seiner Stimme,
der Duft seiner Haut
all das bleibt

Der Schmerz über das Vergangene,
der Platz für ihn im Herzen,
die schönen Stunden
all das bleibt. Jedes Wort, jede Zärtlichkeit
jede Minute, an die man sich erinnert
an seine Worte, wie er sagte,
dass er sie liebt all das bleibt. Schmerz und Zorn über das Goodbye
ob nun echt, ob Eitelkeit,
auch der Kampf zwischen Gefühl und Verstand
auch das bleibt für sehr lange Zeit. Schau nach vorn, denk nicht zurück,
bewahr die schönen Stunden Dir im Herzen,
atme durch und lieb das Leben denn Leben ist es,
was für immer bleibt

Erich Fried

Freitag, 5. Februar 2010

Denn Wie Man Sich Bettet



DENN WIE MAN SICH BETTET

Meine Herren, meine Mutter prägte
Auf mich einst ein schlimmes Wort:
Ich würde enden im Schauhaus
Oder an einem noch schlimmern Ort.
Ja, so ein Wort, das ist leicht gesagt,
Aber ich sage euch: Daraus wird nichts!
Das könnt ihr nicht machen mit mir!
Was aus mir noch wird, das werdet ihr schon sehen!
Ein Mensch ist kein Tier!

Denn wie man sich bettet, so liegt man
Es deckt einen da keiner zu
Und wenn einer tritt, dann bin ich es
Und wird einer getreten, dann bist’s du.

Meine Herren, mein Freund, der sagte
Mir damals ins Gesicht:
"Das Größte auf Erden ist Liebe"
Und "An morgen denkt man da nicht."
Ja, Liebe, das ist leicht gesagt:
Aber wenn man täglich älter wird
Da wird nicht nach Liebe gefragt
Da muß man seine kurze Zeit benützen
Ein Mensch ist kein Tier!

Denn wie man sich bettet, so liegt man
Es deckt einen da keiner zu
Und wenn einer tritt, dann bin ich es
Und wird einer getreten, dann bist’s du.

Brecht / Weill
Ute Lemper

Ursula Pahnke-Felder

Lebenspuzzle

Ich wollte wissen
wie tief ich fühle
und habe mich
bis auf den Grund
meiner Seele
verloren

Nun suche ich
die Stücke
wieder zusammen
und bin
glücklicher
denn je zuvor

der Preis dafür
fragst Du mich


Ich bin verwundbarer
geworden

Ursula Pahnke-Felder

Schuld

Als wir uns gestern gegenübersassen,
erschrak ich über deine Blässe,
über die Leidenslinie deiner Wange.
Da kam`s, dass meine Gedanken mich vergassen
über die Leidenslinie deiner Wange.
Es trafen unsere Blicke sich wie Sternenfragen,
es war ein goldenes Hin -und Herverweben
und deine Augen glichen seidnen Mädchenaugen.
Du öffnetest die Lippen, mir zu sagen ...
und meine Seele färbte sich in Matt,
dumpf läutete noch einmal Brand mein Leben
und schrumpfte dann zusammen wie ein Blatt.

Else Lasker-Schüler